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Was wisst ihr denn...



Vorurteile

Es gab wohl selten ein so politisch-brisantes Thema wie ALG II, was genau so brisant die Meinungen der Nation spaltet. Die einen sagen "wieso bekommen die überhaupt was, die liegen doch eh nur auf der faulen Haut" und die anderen sagen "die bekommen viel zu wenig für ein menschenwürdiges Leben". Ich gehöre zur zweiten Hälfte. Sicher mag es ALG II-Bezieher geben, die dem Klischee entsprechen. Doch die sind nicht nur in der Minderheit, sondern auch verschwindend gering. Und das Klischee ist nur durch Hetze und Vorurteile entstanden. Und woraus entstehen Vorurteile? Zum Beispiel, weil man nicht miteinander redet.

Das alle Bezieher von Hartz IV etwa Alkoholiker sind, ist der größte Blödsinn überhaupt. Darum war es auch noch sinnloser, aus dem Regelsatz das Geld für Alkohol zu streichen. Denn wer Alkoholiker ist, wird sowieso nicht mit 7 Euro im Monat auskommen, um sich jeden Tag zu betrinken und tut es auch ohne das Geld, was er nicht mehr bekommt. Und was ist mit den Menschen, die das Geld jeden Monat für andere Sachen eingeplant haben? Die haben es nicht mehr. Und den Rauchern dieses zu verbieten, finde ich mehr als entmündigend.

Thema Ausgrenzung: Jemand, der gegen Hartz IV-ler hetzt, wird nie jemals bei der Arge gewesen sein - warum auch. Ich war mal da, weil auch ich mal Vorurteile hatte. Bei uns ist sie im Gewerbegebiet, wo man mit dem Bus nicht hinkommt. 15 Minuten laufen - normalen Schrittes - ist angesagt. Wer Altes, Krankes und Behinderter soll DAS schaffen? In der Arge zwei, drei, vier Stunden warten - normal. Aber: DREI Stühle (mittlerweile gibt es ein paar mehr)!!! Dort STEHEN alte Leute, Hochschwangere und schwer Kranke Stunden lang herum. Ein Fahrstuhl, um zum Sachbearbeiter zu kommen, gibt es natürlich nicht. Ist ein Mensch denn gar nichts wert?

Wer arbeiten will, der kann auch. Das war vielleicht mal. Auf der Arge findet man mittlerweile nicht mehr nur Menschen aus der Unterschicht. Unter ihnen findet man Doktoren, Professoren, Ärzte. Gut gekleidet, gepflegt, arbeitslos - im Teufelskreislauf angekommen. Ein Jahr später sind sie grau, aufgedunsen, mit alter Kleidung, halb so viele Haare, krank - der Unmenschlichkeit verfallen und des Lebens müde.

Nach vier Stunden Warterei ist man dann endlich dran, kommt zu einem Mitarbeiter und der sagt einem, dass auf dem Schriftstück noch etwas fehlt, eine Unterlage, ohne die man den Fall nicht weiter bearbeiten kann - und wird weggeschickt. Hartz IV-ler sind aggressiv, so ein weiteres Vorurteil, deshalb muss dort schon der Sicherheitsdienst hin. Aber ist es denn so unmenschlich und verwunderlich, wenn man dann mal etwas lauter wird??

Bevor in den Medien verkündet wird, dass wieder Gelder für diese Menschen gestrichen werden, gibt es Hetzkampagnen: Immer mehr Beziehende verfallen dem Alkohol, einer hat wieder randaliert, erschießt seine Famiele, ohrfeigt einen Sachbearbeiter, usw. Kurz darauf werden die Kürzungen verkündet und schon heißt es: "Ja, das geschieht diesen Tieren Recht." So wird die Politik gerechtfertigt und die Menschen gegeneinander aufgehetzt.

Einer unserer Jungs hat mal zum Thema Kommunikation und Vorurteile folgenden Text verfasst:


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"Was wisst ihr denn ..."

von Florenz Marquart

Was wisst ihr denn eigentlich schon davon, wenn Ihr die dicke Frau in den triefenden Burger beißen seht, und ihr verschämtes Gesicht, und Ihr dabei kein Wunder denkt? Was wisst ihr denn davon, das sie schon 20 kg leichter ist als vergangenes Jahr und nicht "nein" sagen wollte zu Tim, 11 Jahre und Lieblingsneffe, bei dem es sonst zu Hause nur Dinkelbrot gibt.
"Ach Tante Liza, einmal im Jahr, bitte." Und es kommt ihr fast hoch, aber was dem Jungen schon über Punkte und Kilojoule erzählen. Gar nicht so leicht Lieblingstante zu bleiben, wo schon Klettern gar nicht geht. Und Liza kaut angewiedert und versucht nur einen zufriedenen Tim zu sehen und nicht euch, weil sie weiß, dass ihr
kein wunder denkt und sie Was wisst ihr schon?
Und dann denkt sie doch noch an Samstags - wiegen in der Gruppe und geht aufs Klo, weg mit dem Burger. Es schmeckt salzig, weil sie Tränen herunterschluckt, aber was wisst ihr schon davon?

Und Roland im Rollstuhl wird an der Haltestelle mal wieder angestarrt.
Was weißt du schon davon? denkt er in Richtung der Frau und Glotz mal nicht so, du kannst ja wenigstens laufen.
Und die Frau, die vor zwei Wochen noch dachte, dass das jetzt das Glück sei und sie endlich eine Familie sind, denkt an das Baby zu Hause, dass wie jedes Baby nichts kann, aber auch nie viel mehr können wird. Und sie starrt auf die riesigen Räder, eins links Diagnose und eins rechts Prognose und sie denkt Kathastrophe - und wie man mit so etwas in den 3.Stock und... Man gewöhnt sich an alles?
Was weißt du schon davon? denkt sie in Richtung Roland, du kannst ja wenigstens deine Räder bewegen.

Was wisst ihr schon davon, denkt Gerhart, wenn die jungen Mütter mal wieder ihre Kinder zu sich rufen, weil er ihnen unheimlich ist. Der alte Mann, der ständig am Spielplatz rumhängt. 63 Jahre und nichts besseres zu tun, als Kinder zu beobachten, da stimmt doch was nicht.
Hier stimmt was nicht, weiß Gerhart, als er dem blonden Mädchen mit den Zöpfen was schenken will, aber nicht kann, weil er das Ansprechen verlernt hat, seit dem Unfall und nicht weiß was er ihr sagen soll, und weil die Kleine Angst hat vor ihm.
20 Jahre seit sie ausgelöscht sind. Seine Große und seine Kleine hatten auch blonde Zöpfe. Und er sieht sie doch einfach gerne spielen und leben.

Was wisst ihr schon davon? denkt Gerhardt in Richtung der tuschelnden Mütter, die ihre Kinder nicht mehr allein zum Spielplatz schicken würden.
Ich, ich pass doch bloß auf, aber was wisst ihr schon davon?

Was weißt du schon davon? denkt die Frau an der Kasse, als der Kunde verächtlich säufzt, weil sie sich zum dritten Mal hintereinander vertippt hat. Ich war die Beste in Mathe in meiner Klasse überhaupt, bis das passiert ist und die Alpträume anfingen. Nichts weißt du davon, denkt sie, hoffentlich. Und sieht verängstigt und doch todesmutig in das Gesicht des Mannes, dessen Rasierwasser ihr Schmerzen verursacht. Der Kunde riecht nach der Nacht, die sie nie vergessen kann. Er riecht nach Hass, nach Prozess, nach Demütigung. Er riecht wie der, der seit 3 Monaten wieder draußen ist.
Aber davon weißt du natürlich nichts, denkt die Frau und vertippt sich zum 4. mal.

Was weißt du schon davon? denkt der Junge in der U-Bahn, als die alte Frau gegenüber ihm so ein Klebebonbon hinhält. Bleib bloß weg mit deinem Plombenziehern, denkst wohl ich heul wegen der kaputten Hose, hast ja keine Ahnung, blöde Oma." Was weiß die Alte schon?, denkt der Junge. Und dann wieder an die Anderen aus der C, die sein Handy haben und sein Monatstaschengeld und irgendwie auch seinen Stolz. Das mit dem Riss ist Mama schnell erklärt, den Rest merkt Papa hoffentlich nicht so schnell.
Und gegenüber:
Ach Junge, was weißt du schon? Heulst wegen 'ner kaputten Hose, du siehst doch sonst ganz anständig aus und kriegst bestimmt alles, was du willst von Mama und Papa - Handy und ordentlich Taschengeld. So´n Riss ist doch kein Problem heutzutage, wenn man ein gutes Zuhause hat, aber davon weißt du natürlich nichts, denkt die Frau und steckt ihr Karamell achselzuckend wieder ein.

Ein Abteil weiter denkt Marta,
was weiß der schon? Sie ist im knalligen Wollponcho und ihrem Sombrero in der Hand auf dem Heimweg vom Kindergeburtstag, heute mal nicht im Clownskostüm. Heute gab's das mexikanische Schatzsucherprogramm für 100 € inclusive Goldkiste. Eigentlich recht süß, denkt Marta, aber guckt ganz schön abfällig der Typ da, ach, was weiß der schon von mir?
Eigentlich ganz süß, denkt Mark und kann nicht aufhören, Marta anzusehen, obwohl ihm gar nicht nach flirten ist. Aber echt 'nen Freak so wie die rumläuft ... schade. Was kann die schon vom leben wissen? denkt Mark und glaubt, dass er es kennt, das Leben, weil er 24 jahre jung ist und allein erzieht. Deshalb ist ihm auch nicht nach flirten. Was weiß die schon, denkt Mark in Richtung Marta, die immer noch guckt. Was weiß die schon von 4jährigen und Kindergeburtstagen. Was schenk ich dem kleinen bloß nächste Woche, wo er sich doch 'nen Clown wünscht. Clown, wie soll ich denn da dran kommen? Aber er wünscht sich nun mal einen, hat er gesagt...

... wenigstens hat er etwas gesagt.


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